Pflanzen und Bäume auf Kreta: Die Flora der Insel
Kreta lässt das ganze Jahr über die Herzen von Naturfreunden schneller schlagen. Zu jeder Jahreszeit blüht etwas, tragen Bäume ihre Früchte. Wir möchten Ihnen hier einige der wichtigsten und auffälligsten Pflanzen und Bäume der Insel vorstellen. Viel Spaß bei Ihren naturkundlichen Entdeckungsreisen!
Der bedeutendste Baum der Insel bleibt wie eh und je der Olivenbaum, der weite Flächen ganz Kretas bedeckt. Olivenbäume sind äußerst urlauberfreundlich: Zwischen April und Oktober verlangen sie ihren Besitzern kaum Arbeit ab und lassen den Kretern Zeit, sich um ihre Gäste zu kümmern. Anfang November beginnt dann eine saisonale Schwerstarbeit. Wie die Olivenernte abläuft und was aus den Früchten wird, lesen Sie auf unserer Seite über Olivenöl und Oliven.
Granatapfel- und Johannisbrotbaum
Neben dem Olivenbaum gehören Granatapfel- und Johannisbrotbäume zu den auffälligsten Bäumen der Insel.
Der Granatapfelbaum wächst vor allem in Gärten. Ursprünglich stammt er aus Südwestasien, mit dem Apfelbaum ist er in keiner Weise verwandt. Er trägt sein Kleid aus glänzenden, derben, ovalen oder lanzettförmigen Blättern das ganze Jahr über. Seine leuchtend roten Blüten mit jeweils 5 bis 7 Kronblättern trägt er von Mai bis September, seine apfelförmigen Früchte mit ledriger, rötlicher Haut werden im September oder Oktober reif. Unter der Haut stecken weit über 100 knapp erbsengroße, fast gläsern anmutende Kügelchen, deren geleeartige Masse den eigentlichen Samenkern umschließt. Diese Kügelchen sind essbar und lassen sich zu Saft pressen. Das in der Kosmetikindustrie verwendete Granatapfelöl wird aber nur aus den Samenkernen gepresst.
Nach Meinung vieler Forscher reichte Eva dem Adam im Paradies keinen europäischen Apfel, sondern einen vorderasiatischen Granatapfel. Ihm also haben wir den Sündenfall zu verdanken. Wegen seiner vielen Kerne gilt er auch als Symbol der Fruchtbarkeit. In manchen Regionen Griechenlands gehört er darum zu jeder Trauung dazu: Gäste zerschmettern ihn mit voller Kraft auf dem Kirchhof, damit er aufplatzt. Ebenfalls seiner vielen Kerne wegen gilt er als Symbol des Wohlstands und wird von einigen Familien zum Jahreswechsel über die Haustür gehängt.
Wie der Granatapfelbaum stammt auch der Johannisbrotbaum ursprünglich aus dem Vorderen Orient, auf Kreta ist er schon seit vielen Jahrhunderten zu Hause. Er bevorzugt kargen Felsboden als Standort, ist immergrün und wird bis zu 10 m hoch. Von September bis November trägt er unscheinbare Blüten. Weitaus auffälliger sind seine Früchte: 10 bis 30 cm lange Schoten, die im Frühjahr grün sind und sich im Laufe des Sommers kräftig dunkelbraun färben. Die reifen Schoten sind essbar, dienten in schweren Zeiten bis in die Moderne hinein als Schokoladen- und Kakaoersatz und stets als Viehfutter. Heute werden sie im Mittelmeerraum kaum noch geerntet, obwohl Biokost und Naturkosmetik den Schoten ein kleines Revival beschert haben.
Benannt wurde der Johannisbrotbaum nach Johannes dem Täufer, der sich in der Wüste nur von Honig, Heuschrecken und eben Johannisbrot ernährt haben soll. Auf Griechisch nannte man die Schoten früher «keration», Hörnchen. Von diesem Wort leitet sich auch unser Begriff «Karat» ab: Weil man glaubte, die Kerne des Johannisbrots hätten immer das gleiche Gewicht, nutzte man sie als Maßeinheit für Edelsteine.
Granatäpfel können Sie den ganzen Sommer und Herbst über auf Märkten und in Obstläden kaufen. Johannisbrot-Produkte gibt es in vielen Bioläden auf Kreta und vor allem im Bergdorf Argyroupolis nahe Georgioupolis.
Zistrose und Zistrosenwürger
Die Zistrose (Cistus creticus) blüht im Frühjahr und Frühsommer vor allem in der Macchia in höheren Lagen. Beim Wandern wird sie Ihnen besonders häufig begegnen. Ihre Blüten können weiß oder rosa sein. Das Besondere an der Zistrose sind ihre kleinen Blätter, an denen auch Laien die Pflanze sicher erkennen: Besonders in der Mittagshitze sondern sie ein klebriges Harz ab. Wenn Sie mit den Fingern über die Blätter streichen, werden Sie es fühlen. Sind Sie beim Wandern in Jeans durch Zistrosenfelder gegangen, werden die unteren Hosenbeine ein wenig steif sein. Sind Sie Bartträger, können Sie auch mit dem Bart über die Blätter streichen. Er wird klebrig werden.
Dieses Harz wird heute noch manchmal bei der Parfumherstellung verwendet. Schon in der Antike stellte man daraus Salben und Tinkturen her. Im Orient war es vor allem unter dem Namen Labdanum als Räucherstoff begehrt. Auf Zypern nahm man noch im 19. Jahrhundert einen kleinen Klumpen Labdanum in die Hand und roch häufig daran, um sich vor Seuchen zu schützen. Dort gewann man es, indem man Ziegenherden durch Zistrosenfelder trieb, ihnen anschließend die Bein- und Barthaare abschnitt und das Harz herauslöste. Aus Kreta ist die Methode bekannt, mit einem Lederrechen über die Zistrosenblätter zu streichen. Heute hat die Zistrose auf Kreta keine wirtschaftliche Bedeutung mehr, eine Zierde für die Natur ist sie aber auf jeden Fall.
Ganz selten findet man auf den Wurzeln der Zistrose als Schmarotzer den sehr schönen Zistrosenwürger (Cytinus hypocistis). Er besitzt selbst keine Wurzeln und keine echten Laubblätter und ist nicht zur Photosynthese fähig. Er lebt ganz und gar auf Kosten der Zistrose, bildet dabei aber ansehnliche rote oder gelbe Blüten. Wer ihn auf Kreta entdeckt, hat wahrhaft viel Glück gehabt.
Feigenkaktus und Agave
Agaven und die auch Opuntien genannten Feigenkakteen kannten weder König Minos noch Odysseus oder der Apostel Paulus. Sie stammen aus Mexiko und wurden erst nach der Entdeckung Amerikas in den Mittelmeerraum gebracht. Hier dienten sie zunächst vor allem als stachelige Einzäunung von Feldern und Landgütern und breiteten sich nur langsam auch in der Wildnis aus.
Agaven haben keinen Stamm und bilden lange, lanzettförmige Blätter. Aus ihnen wächst einmal im Pflanzenleben, nach etwa zwölf bis siebzehn Jahren, ein bis zu 10 m hoher Blütenstängel heraus, der fast wie ein Baum wirkt. Er hält sich monatelang.
Feigenkakteen hingegen ähneln Kakteen, wie man sie gemeinhin kennt. Ihre Blätter, die der Botaniker «Stängelglieder» nennt, sind oval, flach und fleischig. Sie blühen von Mai bis Juli gelblich-orange. Ihre eiförmigen Früchte sind im reifen Zustand gelb bis orangerot und mit zahllosen ganz feinen Nadeln besetzt. Darum sollte man sie nie mit bloßen Händen anfassen, denn diese Nadelhärchen bleiben im Finger stecken und lassen sich nur schwer mit Pinzette und Lupe entfernen.
Die Früchte sind allerdings recht schmackhaft. Darum werden sie von Profis mit Handschuhen gepflückt und manchmal auch auf Märkten angeboten. Zu Hause legt man sie über Nacht in den Kühlschrank und schält sie am nächsten Morgen mit Messer und Löffel: Man nimmt die Frucht mit mehreren Lagen Zeitungspapier in die Hand, schneidet sie der Länge nach durch und löffelt sie aus.
Der Riesenfenchel
Eine der auffälligsten Pflanzen in der griechischen Wildnis, manchmal aber auch am Straßenrand, ist der Riesenfenchel (Ferula communis). Seine kräftigen, bis zu 3 cm dicken Stängel werden bis zu 3 m hoch. Vom Frühjahr bis zum Frühsommer bildet er schirmförmige Dolden mit vielen kleinen, gelben Blüten. Sind sie verblüht, vertrocknet der Stängel, bleibt aber stehen. In seinem Innern verhärtet sich dann ein schwammartiges Mark, das für die Menschen am Mittelmeer jahrtausendelang von großer Bedeutung war.
Brechen Sie ein Stück eines trockenen Stängels ab, sehen Sie das Mark. Zündet man es an, beginnt es nach einigen Anfangsmühen zu glimmen. Ist die Glut erst einmal in Gang gebracht, hält sie sich mit etwas Pflege stunden- und sogar tagelang. Probieren Sie das bitte nicht in der Natur aus, denn im Sommer ist die Brandgefahr auf Kreta sehr hoch. Fischer und Seeleute nahmen früher die Stängel des Riesenfenchels mit hinaus auf See und hatten so immer Feuer parat. Auch an Land und in den Dörfern konnte man auf diese Weise die Glut von einer Herdstelle zur anderen bringen. Diese Eigenschaft nutzten schon die alten Griechen und banden sie in ihre Mythen ein: So brachte Prometheus den Menschen das Feuer in einem Stängel des Riesenfenchels.
Im Mythos spielt der Riesenfenchel noch eine weitere bedeutende Rolle. Wieder kann Sie ein eigenes Experiment auf den richtigen Weg bringen. Nehmen Sie einen mindestens 1 m langen, trockenen Stängel und schlagen Sie sich damit auf den Bauch. Es wird nicht schmerzen. Nun versuchen Sie, sich beim Gehen auf den Stängel zu stützen: Er wirkt wie ein guter Gehstock. Dionysos, der griechische Gott des Weins, erkannte den Nutzen und gebot all seinen Anhängern, stets diesen Stängel mit sich zu führen. So konnten sie im Rausch bei Prügeleien niemanden ernsthaft verletzen und ihn bei schwankendem Gang als drittes Bein nutzen.
Bei den Festen zu Ehren des Dionysos erhielt dieser Stab noch eine weitere Funktion. Setzt man ihm nämlich einen Pinienzapfen auf, wird er zum phallusförmigen Symbol, und Dionysos war ja auch der Gott der Fruchtbarkeit schlechthin. Wer an den Dionysien teilnahm, musste darum diesen Thyrsosstab mit sich führen.
Auch dass der Riesenfenchel hochgiftig ist, machte man sich manchmal zunutze: Im ausgehöhlten Stängel bewahrte man wichtige Dokumente auf. Dort waren sie vor Mäusefraß sicher.
Rizinus und Rote Bete
Rizinus kennen die meisten von uns nur aus Witzen oder Geschichten der Großeltern. Rote Bete schätzt man in Mitteleuropa fast ausschließlich sauer eingelegt im Glas, auf Kreta aber macht man daraus diverse Köstlichkeiten. Beide Pflanzen haben nur eins gemeinsam: das tiefe Dunkelrot ihrer Stängel.
Der auch Wunderbaum genannte Rizinus wächst als Zierpflanze in manchen Gärten und wild an sonnigen Straßenrändern. Er wird überirdisch nur ein Jahr alt, schießt in dieser Zeit aber bis zu fünf Meter hoch in den Himmel. Er blüht auf Kreta zwischen August und Mitte November. Nicht nur seine Stängel sind rot, sondern auch die männlichen Blüten. Als Früchte trägt er rötliche, mit weichen Stacheln besetzte Kapseln. Bricht man sie auf, kommen drei bohnenförmige, bildschön rötlich-braun marmorierte Samen ans Licht. Die sollten Sie auf keinen Fall in den Mund nehmen oder auch nur anritzen, denn die Samenschalen sind hochgiftig. Schon fünf bis sechs dieser «Bohnen» könnten einen gesunden Erwachsenen töten.
Die geschälten Samen hingegen werden in pharmazeutischen Betrieben zu Öl gepresst, das schon im Ägypten der Pharaonen wegen seiner stark abführenden Wirkung gepriesen wurde. Dieses Rizinusöl, das auf Kreta nicht kommerziell genutzt wird, steckt heute auch in Kosmetika wie Lippenstiften und Shampoos. Wichtig ist es außerdem für die Herstellung von Kunststoffen, die in Polstern, Matratzen und Klebstoffen verwendet werden. Das Rizinusöl für die Industrie kommt vor allem aus Indien, China und Brasilien.
Im Gegensatz zum Rizinus ist die Rote Bete völlig ungiftig und wächst vor allem in Gärten und auf Feldern. Für die Lebensmittelindustrie spielt sie nur als Naturfarbstoff (E 162) eine bescheidene Rolle, früher wurde diese Rübenart auch als Färberpflanze genutzt. Auf Kreta genießt man sie ganzjährig, vor allem als kalten oder warmen Salat samt Stängeln und Blättern. Auf vielen Speisekarten finden Sie sie als «patzaria», gern zusammen mit dem Kartoffel-Knoblauch-Püree «skordalia».
Affodill und Meerzwiebel
Affodill und Meerzwiebel sind zwei weit verbreitete Pflanzen, die man leicht verwechseln könnte, würden sie zur gleichen Zeit blühen. Doch dem ist nicht so: Der Affodill blüht im Frühjahr, die Meerzwiebel erst im Herbst.
Der Affodill (Asphodelus aestivus oder microcarpus), auch Asphodele genannt, ist ein Liliengewächs. Die Pflanze wird bis zu 1,5 m hoch, ihre reich verzweigten, sechsblättrigen Blüten sitzen dicht beieinander und sind gräulich-weiß mit deutlich rötlich-braunem Mittelnerv. Ganze Wiesen und Hänge sind von ihnen besetzt.
Für die alten Griechen war der Affodill die typische Pflanze der Unterwelt, die Homer in seiner Odyssee sogar einmal als Asphodelenwiese bezeichnet. Schafe und Ziegen meiden die Pflanze wegen ihrer nadelförmigen Kristalle. Die alten Griechen aber gaben die stärkehaltige Wurzelknolle den Verstorbenen mit ins Jenseits, und mit Feigen vermischt haben auch die Griechen der Neuzeit die Wurzeln in Notzeiten als Brei gegessen.
Die deutsche, in Griechenland lebende Botanikerin Waltraud H. Alberti gibt Ihnen in ihrem hervorragenden Buch «Garten der Götter. Pflanzen am Mittelmeer» sogar ein Rezept zum Ausprobieren mit auf den Weg: Graben Sie im Herbst eine Knolle aus, reinigen Sie sie und schneiden Sie sie in Würfel. Garen Sie die Würfel in einer Pfanne mit etwas Olivenöl und mischen Sie klein geschnittene Trockenfeigen darunter. Das Ganze können Sie nach Belieben salzen oder mit Honig süßen. Guten Appetit!
Die ebenso hoch wachsende Meerzwiebel (Drimia maritima, früher Urginea maritima) treibt nach den ersten Herbstregen ihre hohen Blütenähren aus und ist für Fotos in Meeresnähe ein schönes Vordergrundmotiv. Weiteren Nutzen bringt sie dem Menschen heute nicht mehr.
In der Antike verwendete man ihre Wurzeln auch als Arzneimittel. Man bekämpfte damit Asthma, Gelbsucht und Krämpfe und setzte sie gegen Regelbeschwerden und als Herzmittel ein. Falsch dosiert ist die Zwiebel jedoch hochgiftig. Vielleicht hängte man sie früher, wie der berühmte griechische Mathematiker Pythagoras, auch als Amulett über die Haustür, um böse Geister fernzuhalten. Auf jeden Fall stellte man aus der bis zu 3 kg schweren Zwiebel mit bis zu 15 cm Durchmesser früher auch Rattengift her. Man fasst sie wohl besser gar nicht an.
Botanischer Park von Kreta
Knapp 60 km von Georgioupolis entfernt ist oberhalb des kretischen «Orange Valley» bei Fournes nach dem großen Waldbrand von 2003 der Botanische Park von Kreta herangewachsen. Hier gedeihen auf 20 Hektar über 150 verschiedene Obstbaumarten aus aller Welt, dazu Kräuter und Heilpflanzen, Blumen und blühende Sträucher. Gewächse aus drei verschiedenen Klimazonen fühlen sich wohl, darunter neben kretischen auch viele tropische Schönheiten. Schilder auf Griechisch, Englisch und Lateinisch nennen ihre Namen. Ein 2 km langer Rundweg und 1 km Nebenwege führen durch den Park, der von Ende März bis Ende November täglich ab 9 Uhr geöffnet ist. Mehr über den Park und seine Umgebung lesen Sie auf unserer Seite über Agia, Meskla und Therisso.
Welche Pflanzen auf Kreta in Küche und Hausapotheke landen, erfahren Sie bei den Kräutern Kretas.
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